Potential für einen synoptischen Klassiker der Kulturtheorie
Buchbesprechung Kultur. Theorien der Gegenwart.
Das Buch ist mehr, als der Titel erahnen lässt.
Auf fast 600 eng beschriebenen Seiten werden 44 TheoretikerInnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart präsentiert, die zur Kultur etwas gesagt haben oder noch zu sagen haben. Dies wird von 44 Autoren erledigt mit einer Kurzbiografie und einer Zusammenfassung des Teiles der Werke, die sich als Kulturtheorie verstehen lassen. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, den Rahmen eines engeren Kulturbegriffes zu überschreiten um den jeweiligen Denkbewegungen folgen zu können. Daher resultiert vielleicht sogar unbeabsichtigt ein Buch, in dem über Kulturtheorie im eigentlichen Sinne hinaus eine Zusammenfassung gegenwärtigen Denkens vorgelegt wird.
Es ließ sich nicht verbergen, dass der Aufbau und die Art der inhaltlichen Darstellung an Culture Club I und II erinnern , den zwei im Suhrkamp Verlag 2004 und 2006 erschienenen Büchern zu Klassikern der Kulturtheorie.
Kultur.Theorien. ist aber viel mehr als eine Fortsetzung oder gar Imitation von jenen ähnlich intendierten Büchern. Während sich die einzelnen Culture Club Kapitel an einer Zeitachse (ab 1900) orientieren, werden sie in Kultur.Theorien gegenwartsorientiert thematisch gruppiert mit dem Vorteil, Beziehungen, Differenzen, Positionen und Zusammenhänge verschiedener Kulturfelder im aktuellen Diskurs rascher und vielleicht auch differenzierter erkennen zu können.
Bei der Zahl der verschiedenen beteiligten Autoren ist die Qualität der einzelnen Kapitel unterschiedlich , aber auch die schwächeren Darstellungen, die ich im einzelnen nicht benennen möchte, sind durchaus noch lesenswert. Besonders gut gefallen haben mir die Aufsätze zu den Franzosen (Barthes, Deleuze, Foucault, Bourdieu, Braudrillard, Kristeva) , die man wenn man sie zusammenfasste, schon allein als Kompendium der aktuellen französischen Philosophie lesen kann.
Es ist natürlich bei der Fülle und Komplexität kultureller Theorie schwierig, allem gerecht zu werden, dennoch habe ich einige wichtige Theoretiker vermisst, die auch wesentlich den aktuellen Diskurs beeinflussen: z.B. Gianni Vattimo, Martha Nussbaum, Luce Irigaray, Richard Rorty, Donald Davidson, Axel Honneth, Bernhard Waldenfels.
Wenn es dem Verlag in einer Neuauflage oder einem Ergänzungsband gelingt, diese und noch wohl auch noch andere Lücken zu schließen, hat Kultur.Theorie das Potential zu einem synoptischen Klassiker der (post)modernen Kulturtheorie zu werden.
3.)Culture Club Martin Ludwig Hofmann (Herausgeber/-in), Tobias F. Korta (Herausgeber/-in), Sibylle Niekisch (Herausgeber/-in) Suhrkamp Verlag; 2008 Taschenbuch
4.)Kulturtheorie Wolfgang Müller-Funk (Autor) UTB; 2006 broschiert